Klimawandel in Schleswig-Holstein – Wie wappnet sich die Landwirtschaft?

Am 22.11.2018 diskutierten rund 100 Landwirte, Berater, Wissenschaftler, Auszubildende, Lehrer und Interessierte auf Einladung des Netzwerks Ökolandbau SH darüber, wie die Landwirtschaft in Zeiten von Wetterextremen betriebliche Risiken minimieren und selbst Treibhausgase reduzieren kann.

Landwirtschaft ist Opfer, Täter und Teil der Lösung

Zu Beginn machte Monika Friebl, Projektleiterin des Netzwerks Ökolandbau, deutlich, dass die Landwirtschaft im Klimawandel drei Rollen einnimmt: „Einerseits sind Landwirte unmittelbar von den veränderten Witterungsbedingungen betroffen, andererseits ist die Landwirtschaft durch die Produktion schädlicher Klimagase wie Methan, Lachgas und Kohlendioxid sowie den Verbrauch von Energie selbst Verursacherin. Zum Dritten kann sie durch die Fixierung von Kohlenstoff in Böden auch Teil der Lösung sein.“

Anke Erdmann, Staatssekretärin im Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung (MELUND), betonte, dass die anhaltende Trockenheit im Sommer, nach der Nässe im Jahr davor, viele Landwirtinnen und Landwirte vor große Herausforderungen gestellt habe. Sie lobte: „Das Netzwerk Ökolandbau trifft mit dem Thema „Anpassung an den Klimawandel und Beitrag zum Klimaschutz einen Nerv".

Bei den Vorträgen wurde deutlich: Jeder Landwirt kann in vielen Bereichen etwas beisteuern, um Einfluss auf eine Verlangsamung des Klimawandels zu nehmen.

Optimierung von Grünlandmanagement und Fruchtfolgen

Harald Schmid (Technische Universität München) und Dr. Hans Marten Paulsen (Thünen-Institut für Ökologischen Landbau) konnten nach einem 10-jährigen Vergleich zwischen je 40 ökologischen und konventionellen Pilotbetrieben in verschiedenen Regionen Deutschlands bestätigen, dass der Ökolandbau nicht nur auf die Fläche bezogen mit geringerem Energie- und Stickstoffinput produziert und damit weniger Treibhausgase emittiert, sondern auch produktbezogen Vorteile hat. In der Milchproduktion ermöglicht der geringere Energieaufwand in der Futterproduktion trotz geringerer Milchleistung niedrigere Treibhausgasemissionen pro kg Milch. Die ökologischen Betriebe weisen zudem in der Regel positive Humusbilanzen mit Rückbindung von Kohlenstoff auf. Bei Milchviehbetrieben fällt der Humusaufbau deutlicher aus als bei Marktfruchtbetrieben. Auf den konventionellen Betrieben findet eher ein Humusabbau statt. Management und Standort sind dabei mitentscheidend. Mehr Klimaschutz kann auch mehr Tierwohl bedeuten, wenn z.B. eine gute Grundfutterleistung mit einer positiven Humusbilanz einhergeht.

Dr. Thorsten Reinsch (Institut für Grünland und Futterbau der CAU Kiel) stellte dar, dass ca. 80% der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft durch die Tierhaltung verursacht werden. Hier besteht kurzfristig ein großes Minderungspotential! Die Methanemissionen der Wiederkäuer können, bei gleichbleibenden Tierzahlen, über Systemoptimierungen gesenkt werden. Ansatzpunkt ist hier ein verbessertes Grünlandmanagement, um mehr hochverdauliches Grundfutter anzubieten, sowie eine Verbesserung der Ausbringungstechniken für Wirt-schaftsdünger.

Aus Sicht des Klimaschutzes ist zudem das intensive Management von Moorflächen in Schleswig-Holstein weiterhin kritisch zu sehen. Hier besteht derzeit das größte Minde-rungspotential durch Anhebung der Wasserstände.

Peter Friedrichsen (Berater der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein) forderte nicht mehr nur auf die ökonomische Leistung der Einzelkulturen zu schauen. So könnten beispielsweise zusätzliche Fruchtfolgeglieder die Ausnutzung des Stickstoffs im Dünger verbessern, das Anbaurisiko senken und damit mehr Raum für ackerbauliche Maßnahmen bieten. Hier müssten konventionelle und ökologische Betriebe durch Kooperationen und den Austausch ihrer Erfahrungen viel stärker als bisher voneinander profitieren.

Humusaufbau ist Teil der Lösung

Bio-Landwirt Henning Knutzen (Boben op Klima- und Energiewende e.V.) aus Hürup berichtete über Praxismaßnahmen zur CO2 Bindung durch Humusaufbau. Voraussetzung sind weite Fruchtfolgen mit Untersaaten und Zwischenfrüchten, die den Boden begrünt halten. Zusätzliches „Futter“ für das Bodenleben bringt die Düngung mit Kompost, Komposttee u.a.. Die Bodenbearbeitung muss Bodendruck vermeiden, flach wenden, tief lockern, Bodengare wieder herstellen und die Lebendverbauung zur Krümelung nutzen. Eine Mineralisierung darf nur stattfinden, wenn es einen Nährstoffbedarf der Pflanzen gibt. Kombinationen mit Portionsweidesystemen (mob grazing) bauen besonders viel Humus auf. Diese werden nur durch zusätzliche Agroforstsysteme „getoppt“. Humus verbessert die Wasserspeicher- bzw. -aufnahmefähigkeit des Bodens und puffert extreme Trockenheit oder Nässe ab. Der Verein Boben op arbeitet auch an handelsfähi-gen Klimaschutzzertifikaten, die den im Humus fixierten Kohlenstoff vergüten.

Lin Bautze (wissenschaftliche Leitung des EU-Life Projektes SOLMACC am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in der Schweiz) berichtete, dass Klimaschutz und Anpassung der Landwirtschaft möglich sind und gleichzeitig wertvolle ökonomische, ökologische und soziale Vorteile für Landwirte, Konsumenten und die Politik entstehen. Dies belegt ein Projekt mit zwölf europäischen Demonstrationsbetrieben unter den Aspekten Nährstoffmanagement, Fruchtfolge, Bodenbearbeitung und Agroforstelementen. Empfehlungen für die Landwirte sind u.a. die Kompostierung ihrer Hofdünger, die Optimierung der Fruchtfolgen durch den Anbau von Leguminosen und eine reduzierte Bodenbearbeitung.

„Die Vielfalt der dargestellten Möglichkeiten zeigt, dass es für Veränderungen in der Landwirtschaft für jeden Betrieb einen Ansatz gibt“, sagte Monika Friebl überzeugt. „Einen außergewöhnlichen Weg wählte die Familie Backsen auf Pellworm, die ihren Betrieb durch den Klimawandel und den zu erwartenden Anstieg des Meeresspiegels bedroht sieht. Mit Greenpeace und zwei weiteren Bio-Betrieben verklagte sie die Bundesregierung auf Einhaltung der Klimaziele. Verbündete auch außerhalb der Landwirtschaft zu finden, ist beim Thema Klimaschutz wichtiger denn je!“

Alle Referate können Sie am Seitenende herunterladen.