Auf dem Weg zu 30 Prozent Ökolandbau in Schleswig-Holstein - Öko-Verbände und Bauernverband suchen gemeinsam das politische Gespräch

v.l.n.r.: Dr. Peter Boysen (LVÖ), Werner Schwarz (BV), Kirsten Eickhoff-Weber (SPD), Oliver Kumbartzky (FDP), Dirk Kock-Rohwer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), Heiner Rickers (CDU), Ann-Katrin Schröder (Moderation) Foto: Ingmar Jaschok

Im Jahr 2030 soll die ökologische Landwirtschaft laut Koalitionsvertrag einen Anteil von 30 % einnehmen. Ein ehrgeiziges Ziel, das in Landwirtschaft und Politik kontrovers diskutiert wird. Um mehr miteinander statt übereinander zu reden, luden die Landesvereinigung Ökologischer Landbau Schleswig-Holstein und Hamburg e.V. (LVÖ) und der Bauernverband Schleswig-Holstein e.V. (BV) am 22. April erstmals gemeinsam zum Gespräch nach Rendsburg ein, um die Positionen der Parteien vor der Landtagswahl am 8. Mai auf den Prüfstand zu stellen.

Es sprachen Heiner Rickers (CDU, Landtagsabgeordneter), Kirsten Eickhoff-Weber (SPD, Landtagsvizepräsidentin), Dirk Kock-Rohwer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Landtagskandidat), Oliver Kumbartzky (FDP, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion), Dr. Peter Boysen (LVÖ) und Werner Schwarz (BV). In die Diskussion flossen auch die Perspektiven von Jürgen Leicher (BUND, stellvertretender Landesvorsitzender) und Stefan Wendland (Land schafft Verbindung e.V. (LsV), Landwirt) ein. Durch die Veranstaltung führte die Moderatorin Ann-Katrin Schröder.

Peter Boysen sieht großen Handlungsbedarf. Für den Artenschutz sowie im Bereich des Grundwasser- und Bodenschutzes biete der Ökolandbau durch vielfältige Fruchtfolgen und des Verzichts auf chemisch-synthetische Pestizide sowie die flächengebundene Tierhaltung Vorteile. Zudem sei der Energiebedarf u.a. durch den weitgehenden Verzicht auf Futtermittelimporte geringer. Auch eine klimaschonende Nutzung von Moorböden könne durch Öko-Landwirtschaft erfolgen. Um die stark exportorientierte Landwirtschaft in Schleswig-Holstein weniger krisenanfällig zu gestalten, müsse die regionale Verarbeitung und Vermarktung gestärkt werden. Umstellungsbereitschaft, eine hohe Nachfrage und Absatzpotentiale seien vorhanden, der politische Rahmen müsse noch weiter ausgebaut werden.

Werner Schwarz stellte seinem Beitrag die Frage voran „Wer hätte sich vor 15 Jahren vorstellen können, dass Bauernverband und Ökoverbände gemeinsam eine solche Veranstaltung durchführen würden?“. Landwirt:innen bewege hinsichtlich des Ziels von 30 % Ökolandbau in erster Linie die Wirtschaftlichkeit ihrer Betriebe. Eine Steigerung des Öko-Anteils erfordere vor allem eine Verbesserung der Vermarktungsstrukturen. Zur weltweiten Hungerbekämpfung müsse besprochen werden, was eine nachhaltige Landwirtschaft ist und wie diese in Schleswig-Holstein gestaltet werden kann. Eine Effizienzsteigerung auf der Seite der Bio-Landwirtschaft, z.B. durch moderne Züchtungstechniken, und eine ökologische Intensivierung auf konventioneller Seite seien erforderlich.

Stefan Wendland, Landwirt in Umstellung, äußerte sich zu den Chancen, die 30 % Ökolandbau bieten. Öko ermöglicht ihm einerseits neue Absatzchancen, andererseits fürchtet er sich jedoch vor erneuten Butterbergen und Milchseen  – diesmal in Bio-Qualität. Land und Kirche sollten sich als Besitzer umfangreicher Ländereien bei der Ausweitung des Ökolandbaus engagieren. Er äußerte auch seine Zweifel, z.B. ob die finanziellen Mittel im Landeshaushalt dafür reichen.

Jürgen Leicher nannte Fakten zum Zustand der Umwelt und verdeutlicht damit den dringenden Handlungsbedarf. Viele hiesige Arten sind gefährdet und stehen kurz vor dem Aussterben. Eine ökologische Bewirtschaftung trägt zum Artenschutz, denn es findet sich auf Öko-Flächen ein deutlich höherer Artenreichtum. Die Gewässer sind hochgradig chemisch verschmutzt. Die meisten Fließgewässer und Seen sowie die Ostsee sind überdüngt, vielerorts werden im Grundwasser zu hohe Pestizidwerte gemessen. Die Politik müsse Mittel bereitstellen und einen Rahmen schaffen, wichtig seien Förder- und Absatzmöglichkeiten. Ein ähnlicher finanzieller und personeller Kraftakt wie für das ökonomisch sehr vorteilhafte, ökologisch allerdings katastrophale „Programm Nord“ in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts seien erforderlich, um den ökologischen Zustand in Schleswig-Holstein zu verbessern.

Laut Kirsten Eickhoff-Weber, stehe die SPD hinter den Zielen zur Ausweitung der Bio-Landwirtschaft und zur ökologischeren Ausrichtung der Landwirtschaft allgemein. Landwirt:innen sollen weiterhin die Wahl haben. Klar sei, dass die Umweltleistungen des Ökolandbaus honoriert werden und es klare Regeln zum Umgang mit Nährstoffausträgen und Pflanzenschutzmitteln geben müsse. Auch konventionelle Betriebe sollen dazu beitragen, dass die Umwelt wieder artenreicher wird, der Weg könne nur gemeinsam beschritten werden.

Nach Oliver Kumbartzky (FDP) sollen Landwirtschaftsbetriebe rentabel wirtschaften können. Angesichts des Krieges in der Ukraine sollen auch stillgelegte Flächen wieder genutzt werden. 30 % Ökolandbau seien utopisch, da wenige Anreize zur Umstellung bestünden; auch bestehe keine erhöhte Nachfrage. Technischer Fortschritt und die Digitalisierung würden dazu führen, dass konventionelle Landwirt:innen ökologischer werden, sie sollten in der Hinsicht noch weiter unterstützt werden.

Dirk Kock-Rohwer (Grüne) betonte, dass eine enkeltaugliche und auskömmliche Öko-Landwirtschaft möglich sei. Großes Potential zur Vermarktung von Bio-Produkten sieht er in der Außer-Haus-Verpflegung. Peter Boysen ergänzte, dass es dazu einer besseren Infrastruktur, einer höheren Dichte an Lagern und Verarbeitungsbetrieben bedürfe. Davon profitiere letztlich der gesamte ländliche Raum.

Auf die Frage, was noch besser laufen könne, antwortete Rickers (CDU), dass die Voraussetzungen bereits geschaffen worden seien, der politische Wille sei vorhanden. Regionale Strukturen wie die Errichtung von Schlachthöfen, würden gefördert.

Auf dem Podium bestand Einigkeit darüber, dass eine Ökologisierung der gesamten Landwirtschaft in Schleswig-Holstein erforderlich ist. Es wurde deutlich, dass der Ökolandbau eine tragende Rolle bei der Transformation der Landwirtschaft übernehmen wird und die Politik die Weichen dafür stellen muss. Der Bauernverband schätzt das bestehende Ziel von 15 % Ökolandbau in Schleswig-Holstein bis 2030 als erreichbar ein. SPD und Grüne hoffen, dass dieses Ziel bis 2030 deutlich überschritten sein wird. Die Vertreter von CDU und FDP wollten sich nicht festlegen.

Peter Boysen ist zuversichtlich, dass nach der ersten Hürde von 10 % bis 2030 schnell ein hoher Anteil von über 15 % erreicht werden kann.

Sowohl Politik, als auch die Verbände nehmen eine Handlungsoption aus diesem Tag mit. Aufbauend auf die im vergangenen Jahr gemeinsam formulierten 24 Thesen zur „Zukunft der Landwirtschaft in Schleswig-Holstein“ wollen sie in erweiterter Runde gemeinsam konkrete Maßnahmen erarbeiten und zur Umsetzung bringen, inklusive deutlicher Steigerung des Ökolandbaus.